Mithilfe der Ambidextrie Ideen umsetzen

In diesem Fachartikel beleuchten wir, was die Ambidextrie ist und wie Sie sie nutzen können, um Ideen umzusetzen. Zentrale Fragen dabei sind: Wie können Führungskräfte Innovation im Unternehmen fördern? Wie kann man das Unternehmen organisieren, um Ideen umzusetzen? Und warum nicht jede Idee gleich behandelt werden sollte.

Kreativität als Schlüsselressource für Unternehmen

Ob es um neue Produkte, produktbezogene Dienstleistungen, Kostensenkungen in der Produktion oder um die Vereinfachung administrativer Vorgänge geht, Ausgangspunkt sind kreative Vorschläge und Ideen für neue Lösungen. Neue Perspektiven einzunehmen, bestehende IT-Ressourcen neu zu interpretieren, Prozesse intelligent komplett neu zu organisieren, kreative Geschäftsmodelle zu entwickeln und der Mut, neue Wege umzusetzen, sind die wirklichen Herausforderungen für Unternehmen und Mitarbeiter.

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Keine oder nur wenig Kreativität bei Aufgabenbewältigung wird damit zunehmend zum Problem der alteingesessenen Unternehmen. Disruptive Start-ups dagegen gehen ohne Scheuklappen an effizientere IT-Abläufe und digitale Geschäftsmodelle heran. Eine Innovationskultur mit Raum für Kreativität zu schaffen, wird damit Aufgabe der Führungskräfte. Klassisches Management ist weniger auf Kreativität als auf Standardisierung von Prozessen angelegt. Deshalb heißt es „Management“, nicht „Innoment“. Das Thema „Management in Zeiten des Dauerwandels“ ist kaum Bestandteil der üblichen Studiengänge und Ausbildungen, obschon einzelne Teams oder auch das gesamte Unternehmen permanent neu ausgerichtet werden müssen. Es gilt, nach immer neuen Wegen zu suchen. Kreativität muss dabei jedoch nicht als eine Pflichtfähigkeit für Führungskräfte definiert werden, viel mehr ist es die Pflicht der Führung eine Unternehmenskultur für Ideen zu schaffen.

Die Unternehmenskultur ist hierbei das Fundament für die Qualität der Ideen der Mitarbeiter, Kunden und Partner. Es geht um ein offenes Klima mit neuen Ideen umzugehen, sie zu kanalisieren und zu prüfen. Ideen kommen nur in einem Klima des Vertrauens zustande. Und selbstverständlich wachsen Ideen nicht am Arbeitsplatz. Sie entstehen in der Regel in ungewohnten Umgebungen, in denen ein entspannter Geist verschiedene Eindrücke miteinander kombiniert.

Zusammengefasst: Die Qualität der Ideenkultur ist ein grundlegendes Fundament für die Innovationskraft einer Abteilung bzw. eines Unternehmens. Doch wie mit den Ideen umgehen? Wie sollen Ressourcen auf das Kerngeschäft bzw. das entwickeln und umsetzen neuer Ideen aufgeteilt werden?

Mit Ambidextrie Strukturen schaffen

Eine Möglichkeit bietet das Modell der Ambidextrie. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen: ambo bedeutet „beide“, dexter heißt „rechte Hand“. Ambidextrie bedeutet also Beidhändigkeit: Innovationen und traditionelles Kerngeschäft existieren nebeneinander und ergänzen sich im Idealfall gegenseitig. Während es im Kerngeschäft um Optimierung (Exploitation) geht, die am besten durch feste Strukturen, Prozesse, Zeithorizonte und Regelkonformität erreicht wird, geht es in den Innovationsräumen um Kreativität, die Brechung von Routinen und Mustern, das Verlassen der Komfortzone und darum, neue Lösungen zu finden (Exploration).

Kienbaum Denkmodell: Die ambidextre Steuerung von Organisationen und Führung Menschen (Bild: © Kienbaum)
Kienbaum Denkmodell: Die ambidextre Steuerung von Organisationen und Führung Menschen (Bild: © Kienbaum)

Neben den Arbeitsaufgaben, die sich in den beiden Sphären unterscheiden, existiert auch parallelen in den Organisationsweisen. Unternehmen und Führungskräfte müssen Kommunikationsabläufe und Strukturen schaffen, die zum Austausch zwischen den Sphären beitragen und so zum einen die Übertragung der Innovationen ermöglichen, zum anderen auch Konflikte zu reduzieren. Die Ambidextrie unterscheidet dabei zwischen zwei Gestaltungsvarianten: Die kontextuellen Ambidextrie beschreibt die Dualität der Exploitation und der Exploration innerhalb gleichbleibenden Strukturen. Ein Beispiel war die 80/20-Regel von Google, welche besagte, dass sich die Mitarbeiter von Google zu 20 % ihrer Arbeitszeit mit innovativen Themen beschäftigen sollen. Die strukturelle Ambidextrie beschreibt den Ansatz, die konfliktären Vorgehensweisen der Exploitation und Exploration getrennt in differenzierten Organisationseinheiten umzusetzen.

Wichtig ist bei der Anwendung in der Praxis nicht das Ziel aus den Augen zu lassen, welches nicht die Erhebung von vielen Ideen ist, sondern die Umsetzung dieser. Deshalb ist es bei beiden Ansätzen wichtig, dass zwischen den Anforderungen für die Umsetzung der Ideen, in drei grundlegende Kategorien unterschieden wird.


1. Prozessideen: Das Tagesgeschäft stetig optimieren


Das Ziel besteht darin, das Kerngeschäft eines Unternehmens mit Ideen erfolgreicher zu meistern, ohne den Prozess auszubauen oder gar neu zu erfinden. Die Anforderungen für die Umsetzung sind dabei eher gering und sollte so schnell wie möglich umgesetzt werden. Prozessideen zahlen somit kurzfristig auf die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens ein. Ein Beispiel könnte die Automatisierung von redundanten Arbeitsschritten sein.


2. Dienstleistungsideen: Bestehende Geschäftsmodelle ausbauen


Bei Dienstleistungsideen ist das Ziel, potenzielle zeitliche oder räumliche Unterbrechungen in den bestehenden Geschäftsmodellen zu verstehen und mit Innovationen diese zu sichern bzw. zu unterbinden. Dienstleistungsideen orientieren sich am aktuellen Kundenbedarf und zahlen mittelfristig auf die Wirtschaftlichkeit der Firma ein. Die Umsetzung der Idee erfordert ein breiteres Verständnis des Geschäftsvorgangs und damit zusätzliche Ressourcen. Zum Beispiel kann neben dem Verkauf eines Produktes auch die Installation als zusätzliche Serviceleistung angeboten werden.


3. Geschäftsideen: Zukunftsgeschäft aufbauen


Die letzte Kategorie beschäftigt sich mit Ideen, welche das Ziel haben, die zukünftige Wertschöpfung unabhängig von Ihren bestehenden Geschäftsmodellen zu entwickeln. Geschäftsideen orientieren sich an den Marktchancen und zahlen langfristig auf die Wirtschaftlichkeit der Firma ein. Die Anforderungen zur Umsetzung einer Geschäftsidee sind damit unternehmensübergreifend. Es müssen ausreichend finanziellen Mittel, zeitliche Ressourcen, das fachliche Wissen und die rechtlichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Als Beispiel lässt sich der Ausbau der Amazon Web Service nennen, welcher größtenteils unabhängig von dem Versandhandel stattfindet.


Anwendungbeispiele aus der Praxis


SIGA: Workshop-Tage beim Klebebandhersteller aus der Schweiz

Das schweizer Dorf Ruswil im Kanton Luzern ist Heimat für die 420 Mitarbeiter des Klebebandherstellers SIGA. Doch trotz des hohen Lohnniveaus des Landes schafft es das Unternehmen auch international wettbewerbsfähig zu sein. Ein Grund hierfür ist, dass sich das Unternehmen vor Jahren dazu entschlossen hat jeden zehnten Arbeitstag den Betrieb einzustellen. Sowohl im Büro, als auch in der Produktion ruht die Arbeit.

Diese Workshop-Tage, wie SIGA sie nennt, sind reserviert zum Nachdenken: An diesen Tagen suchen die Mitarbeiter nach Möglichkeiten zur Verbesserung von und Fehlerbeseitigung in Arbeitsabläufen.


Sipgate: Open Fridays beim Anbieter für Cloud-Telefonie aus Düsseldorf

https://www.openfriday.org/
https://www.openfriday.org/

Auch der agile Pionier sipgate aus Düsseldorf hat ein Format eingeführt, um kontextuelle Ambidextrie zu ermöglichen. So treffen sich die rund 130 Mitarbeiter des Telefonie-Unternehmens jeden zweiten Freitag, um ihren Open Friday durchzuführen.

Der Open-Friday ist ein an die Open-Space-Methode angelehntes Format. Bei sipgate werden über den Tag Wissen geteilt, neue Ideen entwickelt und Experimente durchgeführt.

Misys – Software im Gesundheitswesen

Misys ist ein Softwareunternehmen für den Gesundheits- und Bankensektor. In 2007 sah sich das FTSE-100-Unternehmen einem immer stärkeren Wettbewerbsdruck durch kostenlose Open Source Software ausgesetzt. Da das Kerngeschäft einzubrechen drohte, sah das Management nur einen kompromisslosen Sparkurs als Option, doch der neue CEO Mike Lawrie wählte einen anderen Weg. Er investierte 300 Millionen Dollar in den Aufbau explorativer Teams für die Entwicklung einer eigenen Open Source Plattform.

Was zunächst von einigem im Management als kostspieliger Schnickschnack angesehen wurde, trug bereits 2009 erste Früchte. Die neue Plattform etablierte sich als Basis für neue Verträge mit Krankenhäusern, Ärzten und Versicherungen, sodass der Bereich Healthcare innerhalb eines Jahres um 30% wuchs.

Der wesentliche Schritt folgte ebenfalls: Neben dem Erfolg des Explorations-Teams gewannen durch dessen Arbeit auch andere Bereiche des Unternehmens neue Erkenntnisse. Auf dieser Basis wurden neue Produkte entwickelt und Initiativen durchgeführt. Misys wurde zur ambidextren Organisation.

In 2017 fusionierte Misys mit D+H zu Finastra, dem weltweit drittgrößten Unternehmen für Unternehmen Finanztechnologie.

So nutzen Sie Ambidextrie zum Umsetzen von Ideen


  1. Überlegen Sie sich, wie Sie Ideen in Ihrem Unternehmen umsetzen wolle.

  2. Fangen Sie mit einfachen Prozessideen an! Bedenken Sie, dass jede Ebene unterschiedliche Fähigkeiten und damit ein unterschiedliches Vorgehen in der Umsetzung braucht. Prozessideen: Fokus auf die Einsparung; Dienstleistungsideen: Fokus auf den Kundennutzen; Geschäftsidee: Fokus wie der Markt dazu erschlossen werden kann.

  3. Schaffen Sie positive Beispiele im eigenen Unternehmen und beginnen Sie ein Storytelling für das gesamte Unternehmen. Ermutigen Sie Mitarbeiter, Ideen einzureichen und fördern Sie ihre Kreativität.